» Digitalisierung im öffentlichen Sektor beschränkt sich (...) nicht nur auf eine bessere Zugänglichkeit der Verwaltungsprozesse nach außen (...) «

Dr. Philipp Richter

Interview mit Dr. Philipp Richter

Veröffentlicht: Januar 2022

Wie haben Sie im Themenfeld Ein- und Auswanderung die OZG-Anforderung der Anwenderzentrierung bisher adressiert?

Im Rahmen der Themenfeldarbeit haben wir die Idee der Anwenderzentrierung zunächst mit Unterstützung durch externe Berater*innen im Rahmen von Digitalisierungslaboren adressiert. Wie bei vielen OZG-Leistungen ist auch in unserem Themenfeld, beispielsweise bei der OZG-Leistung Aufenthaltstitel, die hohe Komplexität sowie die Notwendigkeit zur Einbindung von vielen verschiedenen Akteuren zu beachten – insbesondere, wenn die Interessen verschiedener Verwaltungsebenen zu berücksichtigen sind. Für uns war es dabei im Rahmen der OZG-Umsetzung wichtig, die Anforderungen an eine gute Menschzentrierung der digitalen Technologien ganzheitlich zu betrachten. Digitalisierung im öffentlichen Sektor beschränkt sich für uns dabei nicht nur auf eine bessere Zugänglichkeit der Verwaltungsprozesse nach außen, sondern umfasst immer auch eine Optimierung der intern ablaufenden Prozesse. Das bedeutet, dass all die in den verschiedenen Behörden zum Einsatz kommenden, unterschiedlichen Fachverfahren ebenfalls berücksichtigt, angebunden und integriert werden müssen.
In dem konkreten Projekt sind in Deutschland insgesamt sieben unterschiedliche Fachverfahren im Einsatz, wobei die 18 Ausländerbehörden des Landes Brandenburg Fachverfahren von vier Herstellern verwenden. OZG-Umsetzung bedeutet in der Praxis daher auch, standardisierte Schnittstellen zu den Fachverfahren zu definieren. Wenngleich dieser Arbeitsschwerpunkt nicht direkt durch das Onlinezugangsgesetz vorgegeben wird, so ist er doch eine notwendige Konsequenz dessen. In dem Digitalisierungslabor waren neben den Verantwortlichen auf Ebene des Bundes und der Länder auch leitende Sachbearbeiter*innen aus den Ausländerbehörden und Bürger*innen engmaschig mit eingebunden. Gemeinsam haben wir auf Grundlage der Pain Points im analogen Prozess eine gemeinsame Vision für einen Online-Antrag entwickelt.
Die im Rahmen der Digitalisierungslabore entwickelten Klick-Dummies wurden anschließend mit Benutzer*innen getestet und dann weiter verfeinert. Letztlich war das Ergebnis des Digitalisierungslabors ein erster Klick-Prototyp; nach unserer Wahrnehmung waren Digitalisierungslabore zu Beginn des OZG-Prozesses primär Prozessanalysen, die weitestgehend von der eigentlichen technologischen Umsetzung losgelöst waren. Das führte im weiteren Verlauf des Projektes durchaus zu ganz praktischen Herausforderungen; der Abgleich mit den technischen Möglichkeiten erfolgte im Nachgang – dadurch kam es zwangsläufig zu einem Bruch; denn das für die Umsetzung notwendige Wissen musste ja auch bei unserem Umsetzungspartner erst noch aufgebaut werden. Zwischen der finalen Umsetzung und den im Rahmen der Digitalisierungslabore entwickelten Klick-Prototypen gibt es daher einige Unterschiede.
Rückblickend betrachtet, hätten wir noch deutlich stärker von einer direkteren Einbindung in die einzelnen Aktivitäten, beispielsweise in die Usability-Tests, profitieren können. Die Testergebnisse auf den Folien präsentiert zu bekommen, ist einfach etwas anderes, als bei den Tests als Beobachter*in im Hintergrund mit dabei zu sein. Wenn die Digitalisierungslabore in Zukunft einen größeren Stellenwert in der öffentlichen Verwaltung erhalten, dann sollten dort zudem auch die IT-Dienstleister von Anfang an mit am Tisch sitzen und eng eingebunden werden. Darüber hinaus sollten auch die Hersteller von Fachverfahren und Standardisierungsexpert*innen hinzugezogen werden.
Dr. Philipp Richter

Dr. Philipp Richter

Referent
Ministerium des Innern und für Kommunales des Landes Brandenburg

Herr Dr. Philipp Richter ist Referent im Ministerium des Innern und für Kommunales des Landes Brandenburg. Dort ist er in Sachen Onlinezugangsgesetz für das Themenfeld Ein- und Auswanderung zuständig. In diesem Kontext leitet er u.a. das OZG-Projekt Aufenthaltstitel
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