» Entscheidend für eine digitale Transformation sind digitale Kompetenzen auf allen Ebenen – bei Verwaltungs­mit­arbeiter*innen ebenso wie bei den Bürger*innen. «

Petra Klug

Interview mit Petra Klug

Veröffentlicht: Januar 2022

Wie kann eine gesamtstaatliche Strategie für die digitale Transformation der Verwaltung in der Praxis mithilfe der Prinzipien der menschzentrierten Technikentwicklung realisiert werden?

Grundlage für eine erfolgreiche digitale Transformation ist es, Menschen einzubeziehen, zu beteiligen. Vom Menschen aus denken als wichtiges Gestaltungsprinzip wird in der Praxis aber noch viel zu selten umgesetzt. Im Kontext des OZG wird beispielsweise die Frage nach den Lebenslagen der Menschen gestellt. Dieser Ansatz ist richtig und wichtig, da so die Bürger*innen dort abgeholt werden, wo sie stehen und ihre aktuellen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Anwendungen müssen so entwickelt werden, dass sie genutzt werden. Dazu brauchen wir einen Paradigmenwechsel: Wir müssen verstehen, dass Anwendungen so konzipiert sein müssen, dass Menschen sie gerne nutzen und vor allem auch dazu in der Lage sind. Die einfachste Frage ist: Was benötigen die Menschen in einer bestimmten Situation?
Bei der Entwicklung unseres Daten-Portals Wegweiser Kommune haben wir beispielsweise gute Erfahrungen mit Fokusgruppen und Use-Labs gemacht. Hier ist der Raum, um Fragen zu stellen: Was brauchen kommunale Akteure, was brauchen Wissenschaftler*innen? Wie arbeiten sie, welche Zugänge sind für sie hilfreich? Wie komplex sollen oder dürfen Anwendungen sein? Das Ziel ist immer die Zufriedenheit der Benutzer*innen.
Behörden denken meist in Zuständigkeiten. Aber Bürger*innen haben eine völlig andere Denkweise. Die Geburt eines Kindes (Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, Antrag auf Kindergeld usw.) ist hier ein gutes Beispiel: Hier gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten, aber die Leistungen sollten in der Logik der Bürger*innen angeboten werden. Auch wenn das intern komplett anders organisiert ist. Hier bietet die Digitalisierung die Chance, beidem gerecht zu werden – der internen Organisationslogik und den Bedürfnissen der Bürger*innen. Und dazu sollte man die Bürger*innen einfach mal befragen.
Entscheidend für eine digitale Transformation sind digitale Kompetenzen auf allen Ebenen – bei Verwaltungsmitarbeiter*innen ebenso wie bei den Bürger*innen. Dabei geht es nicht nur um reines Anwendungswissen, sondern auch um digitale Gestaltungskompetenz und ein grundsätzliches Verständnis digitaler Prozesse. Man sagt ja oft: Ein schlechter Prozess, der digitalisiert ist, ist ein schlechter digitalisierter Prozess. Wir müssen unsere Haltung, unsere Arbeitsweisen und Routinen ändern – und das ist nicht immer einfach. Gerade in kleinen Kommunen hapert es oft noch am Know-how und an fehlenden Ressourcen; sie benötigen vielfältige Begleitung und Unterstützung. Eine stärkere Öffnung der Verwaltung und Beteiligung von Zivilgesellschaft und Unternehmen oder die Zusammenarbeit mit Start-ups können neue, wichtige Impulse setzen.
Durch die Corona-Pandemie ist das Verständnis für die Notwendigkeit für eine umfassende Digitalisierung in nahezu allen Lebens- und Arbeitsbereichen gestiegen. Die Herausforderung ist da sicherlich der flächendeckende Breitbandausbau, der Zugang zu einem schnellen Netz, das fehlende technische Equipment. Diese Hürden sind frustrierend, sowohl für Bürger*innen als auch für Beschäftigte in der öffentlichen Verwaltung. Dazu verstärkt der zunehmende Fachkräftemangel in diesem Kontext weiter den Druck auf die öffentliche Verwaltung.
Insgesamt sollten wir die Chancen der Digitalisierung stärker in den Fokus rücken – beispielsweise in ländlichen Räumen. Hier bieten digitale Angebote und Services enorme Möglichkeiten, das Gemeinwesen attraktiv weiterzuentwickeln und die Teilhabe der Menschen zu stärken.
Petra Klug

Petra Klug

Senior Projekt Managerin
Bertelsmann Stiftung

Petra Klug hat Germanistik, Soziologie, Berufs- und Wirtschaftspädagogik studiert und in der Öffentlichen Verwaltung gearbeitet. In der Bertelsmann Stiftung arbeitet sie zu den Themen Demografischer Wandel und Digitalisierung, Smart City und Smart Country sowie Stadt- und Regionalentwicklung.
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