» Wir beschreiben nämlich nicht, wie etwas aussehen soll, sondern wie Vorgänge gestaltet werden sollen. «

Ovidiu Moroschan und Dennis Richter

Interview mit Ovidiu Moroschan und Dennis Richter

Veröffentlicht: Januar 2022

Welche praktischen Erfahrungen haben Sie bisher im Kontext von kommunalen Fachverfahren im Rahmen der praktischen Anwendung der DIN EN ISO 9241 gesammelt?

Ehrlich gesagt, haben wir uns bisher nicht an der genannten Norm orientiert, sondern immer an dem ähnlichen WCAG 2.1-Standard – und so mit unseren Ergebnissen ebenfalls die Norm erfüllt. Wir haben 2011 angefangen, VOIS zu entwickeln – mit der grundlegenden Idee, Synergien zwischen Fachverfahren zu nutzen. Wir wollten mit VOIS die Oberflächen von Fachverfahren angleichen – also beispielsweise immer das Dialogfenster Drucken gleich gestalten. Das stößt bei Kommunen auf große Begeisterung, weil es nur eine Schulung geben muss. So haben Mitarbeiter*innen bei verschiedenen Verfahren nur VOIS-Oberflächen vor sich. Es ist ergonomisch noch nicht perfekt, aber es löst viele praktische Probleme.
Wir haben somit ein Designsystem, in dem wir viele Richtlinien definiert haben. Buttons, Schriften etc. sind dort systematisch dokumentiert. Auch beispielsweise die Shortcuts sind immer gleich. Unser System ist ein großes und vor allem verpflichtendes Nachschlagwerk – übrigens auch für Partnerunternehmen, die unsere Basis nutzen. Wir sind hier ein Vorreiter, weil wir das schon seit 2016 machen. Wir gehen mit diesem System stark auf Usability und Barrierefreiheit ein. Wir beschreiben nämlich nicht, wie etwas aussehen soll, sondern wie Vorgänge gestaltet werden sollen. Es geht beispielsweise nicht darum, wie ein Suchfeld aussieht, sondern wie der Prozess ist: Die Tastenkombination, die immer gleiche Positionierung. Auch weisen wir die Benutzer*innen durch einen Farbverlauf darauf hin, dass es zu besseren Suchergebnissen führt, wenn sie längere bzw. mehr Suchbegriffe eintippen. Wir versuchen immer, Feedback einzuholen und greifen viele Dinge auf und beantworten Fragen: Sind beispielsweise Radio-Buttons besser als eine Dropdown-Auswahl?
Eine große Herausforderung ist die Qualitätskontrolle, wenn andere Softwarehersteller unsere Plattform-Software nutzen. Auch das permanente Altern der Oberflächen ist problematisch: VOIS ist sechs Jahre alt, teilweise sieht man das. Und die Kunden wollen neue Versionen gerne im Stil der alten Version haben – aber da können wir dann schnell überzeugen, da die Neuentwicklungen wichtig sind, u. a. im Hinblick auf Usability und Barrierefreiheit. Bei allen Weiterentwicklungen muss aber auch ein Ziel sein, dass Sachbearbeiter*innen sich nicht grundsätzlich umgewöhnen müssen!
Es gibt Details, die immer wieder schwierig sind. Adresseingaben beispielsweise: Da gibt es unterschiedliche gesetzliche Regelungen und damit auch unterschiedliche Interfaces. Manchmal dürfen oder müssen wir mehr Informationen erfassen – manchmal sind es unstrukturierte Eingabefelder, manchmal Einzelfelder. Da haben wir ein wenig resigniert und akzeptiert, dass es keine Möglichkeit der Vereinheitlichung gibt, weil die Gesetze dies verhindern. Das Spannungsfeld von Datensparsamkeit und Datenschutz ist immer ein Thema. In einem Bürgerbüro finden sich zu einer Person Treffer aus allen Fachverfahren: Hier könnten Daten verknüpft werden: Once Only! Aber in manchen Verfahren wird dann beispielsweise das Geschlecht nicht erfasst – in anderen ist es Pflicht. Wenn die Daten aus dem Register ohne Geschlecht übernommen werden, erzeugt das eine Fehlermeldung. Wir dürfen es nicht anders machen, aber die Benutzer*innen verstehen es als Fehler.
Ovidiu Moroschan

Ovidiu Moroschan

UX/UI Designer
HSH Soft- und Hardware Vertriebs GmbH

Ovidiu Moroschan weist eine langjährige Erfahrung als UX/UI Designer auf. Er engagiert sich dafür die Digitalisierung des öffentlichen Sektors mit einheitlichem Design und nutzerfreundlichen Oberflächen als positives Erlebnis zu definieren.
Dennis Richter

Dennis Richter

Product Owner
HSH Soft- und Hardware Vertriebs GmbH

Nach dem Studium der Angewandten Informatik führte ihn sein Weg über die Entwicklung webbasierter Anwendungen zur Rolle als Product Owner der Softwareplattform VOIS. Dabei treibt er gemeisam mit seinen Kollegen die konsequente Ausrichtung der enthaltenen UI-Bibliothek auf Barrierefreiheit voran.
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