» Der ganze Bearbeitungsprozess einer Verwaltungsleistung muss durchgängig und medienbruchfrei digitalisiert werden (...) «

Patrick Burghardt

Sieben Fragen zu menschzentrierter Digitalisierung an Patrick Burghardt

Veröffentlicht: Januar 2022

Anhand welcher Aktivitäten wird besonders gut deutlich, dass die Menschzentrierung von digitalen Services in Ihrem Bundesland immer wichtiger wird?

In der Strategie Digitale Verwaltung Hessen 4.0 (DVH 4.0), die im Sommer 2021 veröffentlicht wurde, haben wir erstmals die Kundinnen und Kunden – vor allen Dingen Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Beschäftigte der Verwaltung – klar in den Fokus aller unserer Aktivitäten zur Verwaltungsdigitalisierung gestellt. Hierfür haben wir die Nutzenversprechen „Antragstellung – Einfach und transparent“, „Verwaltung: Effektiv und wirtschaftlich“, „Abläufe: Durchgängig und übergreifend“, „Technologie: Offen und modern“ sowie „Weiterentwicklung: Innovativ und zuverlässig“ formuliert. Hieraus folgt die konsequente Menschzentrierung bei der Erstellung digitaler Services. In der Umsetzung der DVH 4.0, aber auch bereits vorher in Projekten wie der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) oder den „Digitalen Modellbehörden“ bei den Regierungspräsidien, bedenken wir, dass die Menschzentrierung und die Gebrauchstauglichkeit der digitalen Services immer als ein wichtiger Faktor der Prozess- und Ergebnisqualität betrachtet werden muss.

Welche Voraussetzungen sind in den öffentlichen Verwaltungen erforderlich, damit die Bedürfnisse der Bürger*innen und der Verwaltungsmitarbeiter*innen bei der Entwicklung von digitalen Services noch besser berücksichtigt werden können?

Um qualitativ hochwertige digitale Services zu gestalten, müssen die Prozesse aus der Sicht der Kundinnen und Kunden konzipiert werden. Dies erfordert an vielen Stellen ein Umdenken: Raus aus dem Anwendungs-Monolith und den starren Zuständigkeitsgrenzen, hin zu übergreifenden und durchgängigen digitalen Prozessen als One-Stop-Shop bzw. No-Stop-Shop. Bei der Entwicklung dieser Prozesse sollten die Betroffenen aktiv einbezogen werden. In den Digitalisierungslaboren zur Umsetzung des OZG wurden hierzu partizipative Formate erprobt, die sich bewährt haben. Die Bereitstellung von digitalen Services wird außerdem deutlich vereinfacht, indem bereits die Gesetze und Rechtsnormen „digitalisierungstauglich“ gestaltet werden. Dies stellt einen klaren Fokus in der hessischen Landesverwaltung und auch Bestandteil der DVH 4.0 dar.

In welchen Bereichen und Themenfeldern ist eine menschzentrierte digitale Transformation im öffentlichen Sektor aktuell noch nicht in der Form möglich wie Sie sich das wünschen würden?

Menschzentrierte Transformationen werden erschwert, wenn Rechtsvorschriften Medienbrüche wie beispielsweise Schriftformerfordernisse vorgeben. Vorhandene Rechtsnormen müssen daher angepasst, die Digitalisierungstauglichkeit bei neuen Vorschriften von Anfang an mitgedacht und abgeprüft werden. Zudem müssen wir im Umgang mit Daten und Nachweisen noch besser und vor allem einfacher werden. Das Projekt zur Registermodernisierung ist hier ein bedeutendes Vorhaben, dass die Basis für die Umsetzung des Once-Only-Prinzips darstellt. Die Kundinnen und Kunden der Verwaltung sollen Daten nur einmal angeben müssen und dem Austausch der Daten zwischen den Behörden zustimmen können.

In welche Themenfelder sollten die Kommunen die 3 Milliarden für die Digitalisierung aus Ihrer Sicht vorrangig investieren?

Die genannten drei Milliarden Euro sind für Bund, Land und Kommunen vorgesehen, wobei die meisten Leistungen tatsächlich vor Ort in den Kommunen erbracht werden. Die Mittel sollten aus meiner Sicht sinnvoll in die bereits laufenden Aktivitäten zur Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes und der Registermodernisierung investiert werden, aber auch in die Digitalisierung der verwaltungsinternen Backend-Prozesse. Für eine effiziente und menschzentrierte Verwaltung genügt es nicht, lediglich die digitale Antragsstellung zu ermöglichen. Der ganze Bearbeitungsprozess einer Verwaltungsleistung muss durchgängig und medienbruchfrei digitalisiert werden, um die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Organisationen schnell und einfach zu erledigen.

Wie verändern sich durch den Wechsel von vor Ort installierten Softwarelösungen zu Clouddienstleistungen die Anforderungen an das Themenfeld Usability, User Experience und Barrierefreiheit?

Die Anforderungen an Usability, User Experience und Barrierefreiheit sind unabhängig vom Betriebsmodell eines Rechenzentrums. Jedoch eröffnen sich bei Cloud-Services neue Möglichkeiten im Rahmen der Barrierefreiheit, wie beispielsweise die Bereitstellung von Untertexten in Videokonferenzen. Dies ist oftmals mit On Premise-Lösungen nicht möglich.

Was sind - Stand heute - in den öffentlichen Verwaltungen Ihres Bundeslandes die wichtigsten Einsatzbereiche für UUX Expert*innen?

UUX Professionals haben im Land Hessen eine Richtlinie zur Softwareergonomie konzipiert. Diese dient als Grundlage und Orientierungshilfe bei der Erstellung von Anwendungen und Apps. Zudem werden UUX Professionals auch in den großen Digitalisierungsprojekten wie z. B. den Digitalen Modellbehörden eingesetzt.

Was ist Ihre persönliche Vision für die Öffentliche Verwaltung 2030?

Die öffentliche Verwaltung ist im Jahr 2030 menschzentriert und bietet alle Dienstleistungen nach den Prinzipien No-Stop- oder One-Stop-Shop und Once-Only an. Weiterhin werden Services auch als hybrides Government – durchgängige Geschäftsprozesse über Verwaltungs- und privatwirtschaftliche Grenzen hinaus – angeboten. Innerhalb der Verwaltung sind die Prozesse digital, übergreifend und effizient. Die Beschäftigten verfügen über die digitalen Kompetenzen, um die digitale Transformation fortlaufend weiterzuentwickeln.
Patrick Burghardt
© HMinD – Jonas Diehl

Patrick Burghardt

CIO und Bevollmächtigter der Landesregierung für E-Government und Informationstechnologie
Land Hessen

Patrick Burghardt ist Staatssekretär für Digitale Strategie und Entwicklung, CIO und Bevollmächtigter der Hessischen Landesregierung für E-Government und Informationstechnologie. Er setzt sich dafür ein, den öffentlichen Dienst in Hessen digital und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.
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